BRÜSSEL – In einem Schritt, der eine grundlegende Veränderung der europäischen Wirtschaftsphilosophie signalisiert, haben die Staats- und Regierungschefs der EU letzte Woche offiziell einen umfassenden Industrieplan „Made in Europe” verabschiedet, der darauf abzielt, die Abhängigkeit der Union von ausländischen Mächten in kritischen Sektoren deutlich zu verringern. Die Initiative, die seit über einem Jahrzehnt von Frankreich vorangetrieben und nun auch von einem zunehmend besorgten Deutschland unterstützt wird, markiert eine entscheidende Abkehr von der langjährigen Verpflichtung der EU zum uneingeschränkten Freihandel.
Der vorgeschlagene „Industrial Accelerator Act”, dessen formelle Einführung für den 25. Februar geplant ist, zielt darauf ab, den Anteil der Fertigungsindustrie an der EU-Wirtschaft bis 2035 von 14 % auf 20 % zu steigern. Zu den wichtigsten Bestimmungen gehört die Festlegung von Mindestschwellenwerten für in Europa hergestellte Komponenten in strategisch wichtigen Technologien wie erneuerbare Energien, Batterien und Elektrofahrzeuge, wobei einige kritische Sektoren möglicherweise mit lokalen Inhaltsanforderungen von bis zu 70 % als Voraussetzung für öffentliche Subventionen konfrontiert werden.
„China hat ‚Made in China‘, die USA haben ‚Buy American‘, Kanada hat ‚Buy Canadian‘“, erklärte Thierry Breton, EU-Kommissar für den Binnenmarkt, und sprach damit eine Stimmung aus, die auf dem gesamten Kontinent Unterstützung gefunden hat. „Es ist an der Zeit, dass Europa für sich selbst einsteht und ein ähnliches System einführt.“
Vom Idealismus zum Pragmatismus: Ein Jahrzehnt der Vorbereitung
Der Weg zu dieser protektionistischen Wende war lang und oft umstritten. Die „Sorbonne-Rede“ des französischen Präsidenten Emmanuel Macron aus dem Jahr 2017 legte den intellektuellen Grundstein für die „europäische Souveränität“ und plädierte für eine geringere Abhängigkeit in den Bereichen Verteidigung, Energie und Technologie. Doch jahrelang stießen diese Vorschläge auf Widerstand, vor allem aus Deutschland, einem überzeugten Verfechter des Freihandels und einer Nation, deren industrielle Stärke auf Exporten beruhte.
Beobachter sind sich einig, dass der Wendepunkt die vollständige Invasion der Ukraine durch Russland im Jahr 2022 war. Die darauf folgende Energiekrise deckte die Verwundbarkeit Europas brutal auf, insbesondere die energieintensive Produktionsbasis Deutschlands, die zunehmend von billigem russischem Gas abhängig geworden war. Gleichzeitig verstärkte eine Flut billiger chinesischer Produkte, von Solarzellen bis hin zu Elektrofahrzeugen, die Ängste vor einer Deindustrialisierung und veranlasste Deutschland, seine traditionelle Haltung zu überdenken.
„Der Krieg hat deutlich gemacht, in welchem Maße große Teile der europäischen Fertigungsindustrie von billigem russischem Gas abhängig waren“, stellte ein EU-Analyst fest. „In Verbindung mit dem weltweit zunehmenden Protektionismus und der verstärkten Konkurrenz aus China fühlte sich das industrielle Rückgrat Deutschlands ernsthaft bedroht. Die Idee „Buy European“ erschien plötzlich gar nicht mehr so radikal.“
Interne Spaltungen und der Gegenvorschlag „Made with Europe“
Trotz des neu gefundenen Konsenses bestehen weiterhin erhebliche interne Spaltungen. Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz plädiert für einen breiteren „Made with Europe“-Ansatz, der die Teilnahme auf Länder des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) wie Norwegen und Island und möglicherweise sogar andere „gleichgesinnte“ Handelspartner ausweiten würde. Merz und andere exportorientierte Volkswirtschaften, insbesondere in Skandinavien und im Baltikum, warnen davor, dass zu enge Regeln protektionistische Barrieren schaffen, den Handel behindern, die Kosten in die Höhe treiben und wichtige Verbündete verprellen könnten.
„Der Plan widerspricht durch die Einschränkung des freien Handels völlig den Grundsätzen des Binnenmarktes”, warnte ein Diplomat aus einem baltischen Staat und spiegelte damit die weit verbreitete Sorge wider, dass die Verpflichtung europäischer Unternehmen zur Verwendung teurerer europäischer Komponenten die Inflation anheizen und Investitionen behindern könnte. Diese Kritiker argumentieren, dass sich die EU stattdessen auf interne Reformen konzentrieren sollte, wie beispielsweise die Beseitigung von Handelsbarrieren innerhalb der EU und die Zusammenlegung der Kapitalmärkte, um die allgemeine Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.
Die Zukunft der europäischen Industrie
Dennoch scheint die Dynamik hinter einer Form der „Made in Europe“-Politik unumkehrbar zu sein. Die Verbreitung ähnlicher Maßnahmen in den USA („Buy American“) und China („Made in China 2025“) hat zu einer globalen Landschaft geführt, in der strategische Industriepolitik zunehmend als Notwendigkeit und nicht als Ausnahme angesehen wird.
Mit dem Näherrücken der Frist am 25. Februar werden alle Augen auf die Einzelheiten des Industrial Accelerator Act gerichtet sein. Das empfindliche Gleichgewicht zwischen der Förderung strategischer Autonomie und der Vermeidung von lähmendem Protektionismus wird die wirtschaftliche Entwicklung Europas für die kommenden Jahrzehnte bestimmen. Die Frage ist nun nicht, ob Europa seine Festung bauen wird, sondern wie hoch ihre Mauern sein werden und wer darin willkommen sein wird.

